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Alle Farben des Regenbogens

aus der Anthologie: Die andere Seite des Regenbogens – Queere Geschichten voller Farbe

Zum Inhalt: Ben ist siebzehn und lebt in der multikulturellen Regenbogennation Südafrika. Es ist der Auftakt der Fußball-WM 2010 und alle warten gespannt auf das Eröffnungsspiel. Auch in Bens Schule bereiten sich die Schüler auf das Ereignis vor. Ben nimmt allen Mut zusammen und ergreift die Gelegenheit, endlich den schwarzen Jungen anzusprechen, der ihm in den letzten Monaten auf den Gängen immer wieder lächelnd begegnet ist.

Leseprobe: Mein Blick huscht zu dem Jungen, der abseits am Rand des Schulhofes sitzt. Er hat die Arme um seine angezogenen Knie geschlungen und beobachtet das bunte Treiben aus der Ferne. Schon oft ist er mir auf den Gängen der Schule aufgefallen, aber wir haben noch nie ein Wort miteinander gesprochen. Meist umspielt ein Lächeln seine Lippen, warum schaut er immer weg, sobald ich ihn ansehe? Seine feinen Gesichtszüge gefallen mir. Überhaupt fasziniert er mich und in seiner Nähe fängt mein Herz an, schneller zu schlagen. Zu gern würde ich einmal mit ihm sprechen, aber mir fehlten bisher der Mut und die Möglichkeiten. Wir haben keinerlei Berührungspunkte und leider auch keinen gemeinsamen Unterricht. Zwar gehen wir auf dieselbe Schule und tragen die gleiche Schuluniform, trotzdem liegen Welten zwischen uns. Er ist schwarz, ich bin weiß. Seine Muttersprache ist Sotho, meine Afrikaans. Er hat ein Stipendium, um diese Schule besuchen zu dürfen, während meine Eltern jede Menge Schulgeld bezahlen müssen. Ich wohne in einem Mittelklasse-Viertel hier in Pretoria und werde von meiner Mutter zur Schule gefahren. Er nimmt jeden Tag den Bus aus dem nahegelegenen Township Mamelodi. Manchmal beobachte ich ihn, wenn er zusammen mit seinen Freunden aussteigt, bin fasziniert von der wilden Horde Jungs, die so ganz anders ist, als meine kleine Clique.
Heute ist ein besonderer Tag, denn heute sind wir alle vereint. Zumindest fühlt es sich so an. Bald ist Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft, die hier in Südafrika stattfindet. Das Eröffnungsspiel beginnt in einer Stunde. Wir gegen Mexiko. Unsere Nation ist wahnsinnig stolz darauf, Gastgeber zu sein. Seit Monaten, nein, schon seit Jahren, fiebern wir als Land diesem Event entgegen und haben Vorbereitungen dafür getroffen. Und nun ist es soweit. Ein ganz komisches Gefühl. Aufregend. Veränderung für unsere Nation liegt in der Luft – Zusammengehörigkeit, wie ich sie noch nie zuvor empfunden habe.
Wieder sehe ich auf den Jungen, kann meinen Blick kaum abwenden und nehme all meinen Mut zusammen. Es ist der perfekte Zeitpunkt, der perfekte Tag. Heute werde ich ihn ansprechen. Solch eine Gelegenheit wird so schnell nicht wiederkommen. Ich schnappe mir eine Packung der Regenbogenstifte, die die Schule zur Verfügung gestellt hat, damit wir uns für das Fußballspiel gegenseitig schminken können. Wir werden das Spiel gemeinsam in der Aula ansehen. Die meisten Schüler haben sich unsere Flagge auf die Wange gemalt, manche haben sogar ihr gesamtes Gesicht damit verziert. Er ist noch nicht geschminkt.
Meine Schritte werden langsamer, je näher ich ihm komme. Mein Magen flattert vor lauter Unsicherheit. Fest umklammere ich die Verpackung, meine Handflächen schwitzen. Aber dann passiert etwas, das mich ruhiger werden lässt: Der Junge sieht auf und blickt mir mit diesem speziellen Lächeln auf den Lippen, das ich so an ihm mag, geradewegs ins Gesicht. Und ... Das erste Mal schaut er nicht weg, sondern lässt meine Augen keine Sekunde los, bis ich wie hypnotisiert vor ihm zum Stehen komme.
»Hallo Ben«, begrüßt er mich und ich lasse beinahe die Stifte fallen. Noch nie hat mich der Klang meines eigenen Namens derart aus dem Konzept gebracht. Woher kennt er ihn?
»Hallo«, flüstere ich heiser, fühle mich irgendwie geehrt und gleichzeitig ein bisschen wie ein Idiot, weil ich keine Ahnung habe, wie er heißt.
»Magst du dich zu mir setzen?« Er deutet zu seiner Linken. »Klar gern.« Ich lasse mich neben ihn auf den Boden fallen, so nah, dass unsere Knie sich berühren. Für einen Moment herrscht Stille zwischen uns und ich starre auf den grauen Asphalt vor mir. »Ich bin übrigens Tshepo.«

Hintergrund: pixabay.com
Cover: Yvonne Less, Art4Artists

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Die andere Seite des Regenbogens